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Deutschlands WM-Gegner Serbien – ein Neuling mit Erfahrung

Vielarmiger Jubel. Kapitän Dejan Stankovic nach dem Quali-Sieg über Rumänien
Vielarmiger Jubel. Kapitän Dejan Stankovic nach dem Quali-Sieg über Rumänien. Foto: Copyright picture-alliance

Am 18. Juni bestreitet die deutsche Nationalmannschaft in Nelson Mandela Bay ihr Gruppenspiel gegen Serbien. Wir haben unsere Scouting-Abteilung losgeschickt, um mehr über den Gegner zu erfahren. Christian Lammé inspiziert für uns den Zustand der serbischen Klubs und der Nationalmannschaft und beginnt mit der Frage, ob wir es bei den „Weißen Adlern“ eigentlich mit Debütanten zu tun haben oder nicht.

Die Slowakei ist einer. Ein Debütant, ein Neuling. Nie zuvor hat das Land eigenständig an einer Fußball-Weltmeisterschaft teilgenommen. Sicher, es gab als Tschechoslowakei acht Auftritte beim größten Fußballturnier der Welt. Doch die Slowaken fühlen sich trotzdem als Neuling, auch wenn sie es waren, die in den 1970er-Jahren einen Großteil der tschechoslowakischen Nationalmannschaft stellten. Ansonsten sind in diesem Jahr in Südafrika keine Länder dabei, die zum ersten Mal teilnehmen. Selbst Honduras, Neuseeland und Nordkorea sind im Kreise der Erlauchten keine Unbekannten.

Doch Moment, da gibt es ja doch noch jemanden. Ein Land, das unter diesem Namen noch nie bei einer Fußball-Weltmeisterschaft aufgetreten ist. Die Rede ist von Serbien, Deutschlands zweitem Gegner in der Gruppe D. Zwar waren die Serben schon zehnmal dabei, doch eben noch nicht als das, was sie heute sind, als Republik Serbien nämlich. Obwohl sich vor der letzten Weltmeisterschaft Montenegro per Volksentscheid offiziell vom Länderbündnis Serbien-Montenegro getrennt hatte, traten die Fußballer in Deutschland 2006 noch gemeinsam an. Zuvor bildeten die Fußballer aus Serbien, Montenegro, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Slowenien und Mazedonien die jugoslawische Nationalmannschaft.

Nun also Serbien. Die Beli Orlovi (Die weißen Adler) setzten sich in ihrer Qualifikationsgruppe unter anderem gegen Frankreich und Rumänien durch und wurden Gruppensieger, was ihnen die Wenigsten zugetraut hatten. Der serbische Fußball ist also wieder im Aufwind – zumindest was die Nationalmannschaft betrifft. In der ersten und zweiten Fußballbundesliga spielen derzeit fünf Serben, die zum Stamm des Nationalteams zählen. Gerade erst im Januar vermeldete der 1. FC Köln durch die Ausleihe Zoran Tosics von Manchester United eine Verstärkung der serbischen Fußballfraktion. Neven Subotic, Antonio Rukavina, Gojko Kacar und Zdravko Kuzmanovic kennen wir hingegen schon länger. Mit Nemanja Vidic, Branislav Ivanovic, Ivica Dragutinovic, Torjäger Nikola Zigic und natürlich Kapitän Dejan Stankovic verfügt das Team über weitere Stammspieler, die bei europäischen Spitzenvereinen ihr Geld verdienen.

Tristesse und Rivalität in der heimischen SuperLiga

Rar gesät sind hingegen die Spieler, die aus der heimischen SuperLiga stammen. Dabei könnte Nationaltrainer Radomir Antic dort aus dem Vollen schöpfen – nur 17 % aller Spieler sind keine Serben. Doch das Leistungsniveau ist in den letzten Jahren stetig gesunken. Vorbei sind die großen Zeiten von Roter Stern Belgrad, immerhin Europapokalsieger der Landesmeister 1991. Selbst die Champions-League-Teilnahme vom Lokalrivalen Partizan ist schon wieder über sechs Jahre her. Nicht selten werden die Spiele der SuperLiga von nur wenigen hundert Fans besucht. Die Partie zwischen Borak Cacak und dem FC Cukaricki am letzten Spieltag vor der Winterpause wollten gerade einmal 300 Zuschauer sehen, das 1:1 zwischen dem FK Metalac und dem FK Rad Belgrad nur 50 mehr.

Dabei galten die serbischen Fußballfans gemeinhin wild, aber vor allem auch kreativ und lautstark. Bengalos und aufwändige Choreografien brennen sich ins Gedächtnis. Doch im Grunde sind es fast nur die Partien zwischen Roter Stern und Partizan, die die Fans ins Stadion strömen lassen. 31.640 waren es beim letzten Aufeinandertreffen im November 2009 im Stadion FK Crvena Zvevda. Häufig werden die Partien zwischen dem einstigen Armeeverein Partizan und dem eher bürgerlichen Stadtrivalen jedoch von gewalttätigen Auseinandersetzungen und Verletzten überschattet, Sitze fliegen auch schon mal aufs Spielfeld. Die Delije (Die Mutigen) unterstützen Roter Stern und gelten in Serbien als wichtigste Fangruppierung – natürlich neben den Grobari von Partizan. Dessen Name bedeutet übersetzt Totengräber –  zunächst einmal alles andere als vertrauenserweckend. Doch zu Grabe getragen werden bei ihnen zuallererst Langeweile und schlechte Atmosphäre. Mit Farben, Fahnen und Pyrotechnik heizen sie der eigenen Mannschaft ein und sorgen für Eindruck beim Gegner.

In der Heimkurve beim Qualifikationsspiel gegen Österreich in Belgrad
In der Heimkurve beim Qualifikationsspiel gegen Österreich in Belgrad. Foto: Copyright picture-alliance

Bei der Leidenschaft der Delije kommt es schon mal vor, dass ein Training von Roter Stern von 3.500 Zuschauern besucht wird. Zahlen, von denen die kleinen Clubs des Landes selbst bei Punktspielen nur träumen können. Der Verein weiß, was er an den Treuesten der Treuen hat. Vor knapp 20 Jahren ließen die Verantwortlichen im Marakana genannten Stadion einige Plätze der Nordkurve weiß einfärben, so dass sie in kyrillischer Schrift das Wort Delije zeigen.

Die Beli Orlovi – ein Land steht geschlossen hinter seinem Team

Wenn es um die Nationalmannschaft geht, stehen die serbischen Fußballfans jedoch wie eine Wand hinter ihr. Dabei gestaltete sich der Anfang der serbischen Fußballgeschichte aus Fansicht eher negativ. Das erste Pflichtspiel mussten die Serben am 2. September 2006 nämlich vor leeren Rängen austragen – weil die UEFA mit dieser Maßnahme die Fanausschreitungen im bosnischen Sarajevo bei einem Qualifikationsspiel zur WM 2006 sanktionierte. Die Rivalitäten zwischen den Fangruppen ruhen inzwischen. Die Fans diskutieren online lieber über die neuen Trikots. Und eben nicht über den aktuellen oder ehemaligen Verein eines Nationalspielers.

Unterstützung brauchen die Beli Orlovi auch am 18. Juni 2010 gegen Deutschland. Nicht selten waren die Duelle zwischen deutschen und serbischen bzw. jugoslawischen Teams wegweisend bei großen Turnieren. 1954 bezwang die bundesdeutsche Auswahl Jugoslawien mit 2:0. Fast auf den Tag genau 20 Jahre später hieß es bei der WM in Deutschland ebenfalls 2:0. Und 1990 siegten die Deutschen im ersten Vorrundenspiel mit 4:1. Ein gutes Omen für den WM-Titel? Unterschlagen werden sollten jedoch nicht die anderen Partien. Schließlich traf man auch 1958, 1962 und 1998 auf die Jugoslawen – Deutschland verfehlte den Titel. 1998 trotzten die Deutschen den Jugoslawen ein 2:2 ab. Beide Teams kamen weiter, doch für Jugoslawien war im Achtelfinale gegen die Niederlande Schluss. Die Deutschen scheiterten eine Runde später – an Kroatien.

Da war die Welt noch in Ordnung: Lothar Matthäus als Meister-Trainer von Partizan
Da war die Welt noch in Ordnung: Lothar Matthäus als Meister-Trainer von Partizan. Foto: Copyright picture-alliance

Lothar Matthäus und die Serben

In positiver Erinnerung bleibt vor allem der Sieg der Deutschen 1990. Untrennbar verbindet man mit ihm den Namen Lothar Matthäus. Der deutsche Rekordnationalspieler erzielte zwei Treffer und lieferte das wohl beste Länderspiel seiner Karriere ab. Doch mit Matthäus verbinden serbische Fußballfans auch Euphorie und Aufbruch. Schließlich war er es, der das Team von Partizan als Trainer 2003 in die Champions League führte. Im Sommer des letzten Jahres wurde in serbischen Tageszeitungen über Matthäus’ Rückkehr spekuliert. Doch wie so oft, wenn es um den Trainer Lothar Matthäus geht, zerschlugen sich die Gerüchte …

Wie sich Serbiens Fußball bei der WM präsentieren wird, bleibt abzuwarten. Der erfahrene Neuling wird in seinem Team auf die Mischung aus Routine und jugendlichem Esprit setzen. Auf den setzte ja auch Lothar Matthäus in jüngster Vergangenheit. Doch im Gegensatz zu dessen Trainertätigkeit oder der weiblichen Begleitung im Jahr 2014 scheint bei den Serben eines klar zu sein: Den Namen werden sie bis dahin nicht mehr ändern.

Christian Lammé arbeitet als freier Journalist und berichtet in Livetickern und als Redakteur unter anderem für sportal.de. Mehr zu lesen gibt es auch auf seinem Blog schatten-und-licht.blogspot.com

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Die Helpline für deutsche Fans in Südafrika. Ab dem 10.6. erreichbar.

 

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