Warten auf die SMS: das Ticketingsystem in Südafrika

- Foto: Ulrich Doering
Der Ansturm auf die WM-Tickets ist nicht so groß, wie das die Veranstalter gehofft hatten, und das gilt auch für das Ausrichterland. Dabei gibt es für die Einwohner Südafrikas sogar Karten zum Schnäppchenpreis – zumindest aus deutscher Sicht. Wir berichten, wie der Ticketverkauf am Kap genau funktioniert, wo es hakt und was südafrikanische Fans selbst dazu sagen.
Beim Anblick der 16 Seiten starken Broschüre mit dem Antragsformular für die Karten zur WM 2010 entsteht der Eindruck, der Vorverkauf sei bestens organisiert. Die ersten Exemplare des Heftes lagen am 20. Februar 2009 in den Zweigstellen der First National Bank (FNB) aus und waren im Handumdrehen vergriffen. Die Prognose war eindeutig: Besonders die Karten der Kategorie 4, Sitzplätze hinter dem Tor, die nur von Südafrikanern oder Personen mit einer gültigen Aufenthaltsgenehmigung für Südafrika bestellt werden können, würden sich wie warme Semmeln verkaufen. Eine Karte der Kategorie 4 für ein Gruppenspiel kostet „nur“ 140 Rand, umgerechnet knappe 11 Euro. Ein Preis, der für deutsche Fans ein Schnäppchen gewesen wäre, ist in Südafrika der Tageslohn für einen ungelernten Arbeiter.
Doch anscheinend lief der Vorverkauf nicht so geschmiert, wie es die „7 steps to buy a ticket“ im Antragsformular beschreiben. Wer die Karten nicht online bestellt, was einen Internetzugang und den Besitz einer Kreditkarte voraussetzt, den führt der erste Schritt gezwungenermaßen in eine Zweigstelle der First National Bank, die das Exklusivrecht für den Vorverkauf besitzt. Um das Antragsformular in der Bank auszufüllen (2. Schritt), muss man kein Konto bei der FNB haben, und es dürfen Karten für mehrere Spiele bestellt werden, jedoch liegt das Limit bei vier Karten pro Spiel für maximal sieben Spiele. Der 3. Schritt ist die Überprüfung der Personalien. Der Kunde muss eine Mobiltelefon-Nummer angeben, denn die Benachrichtigung über den gelungenen Kauf erfolgt per SMS. Wenn alles seine Richtigkeit hat, zahlt der Antragsteller den Betrag in bar am Schalter der Bank ein (4. Schritt). Im Gegenzug stellt die Bank eine „Offical Mascot Prepaid“-Karte aus, auf der der eingezahlte Betrag gespeichert ist (5. Schritt).
Danach beginnt das hoffnungsvolle Warten auf die SMS, wie der 6. Schritt bezeichnet wird. Der 7. Schritt bedeutet entweder Frust oder er führt im April zum FIFA Ticket Office, wo die Tickets gegen Vorlage der Prepaid-Karte abgeholt werden können. Fans, die leer ausgegangen sind, führt der Weg zum nächsten FNB-Geldautomaten, der den gespeicherten Betrag der Prepaid-Karte in bar ausspuckt – vielleicht haben sie in der nächsten Phase mehr Glück.

- FNB-Angestellter Michael Ngodwana erklärt einem Kunden das Ticketingsystem. Foto: Ulrich Doering
Frust bei vielen Fans
Die Verkaufsphasen 1 bis 3, die im Januar 2010 endeten, haben viele Fans vergrault. Sie stehen dem Auslosungsverfahren kritisch gegenüber und hielten sich mit der Antragsstellung zurück. Das Verfahren sei nicht transparent, weil es keine Angaben über die Verfügbarkeit der Karten liefert. Für einkommensschwache Fans war die Vorkasse ein Hindernis. Sie müssen für zwei Monate viel Geld aus den Händen geben – denn wer kauft schon nur eine Karte für ein Spiel? – ohne eine Zinszahlung dafür zu bekommen. Kurzum, ins Blaue teuer zu investieren und auf sein Glück bei der Auslosung zu hoffen, war vielen Fans doch etwas zu „europäisch“ und undurchsichtig.
Da wartete man lieber auf den Beginn der 4. Phase, wo es „First come, first serve“ heißt. Diese Phase begann am 9. Februar und läuft bis zum 7. April. Vor den FNB-Zweigstellen bildeten sich lange Schlangen, Festentschlossene hatte die Nacht vor den Eingangstüren kampiert. Das lange Warten endete für manchen Fan am Schalter mit einer Ernüchterung: Sie hatten „First come, first serve“ so interpretiert, dass die ersten Antragssteller auf jeden Fall Karten bekommen, und zwar sofort. Das war aber leider nicht der Fall, denn die Anträge wurden nach Eingangsdatum und noch vorhandenen Kontingenten verlost. Die Fans mussten also wieder auf die berüchtigte SMS warten und waren entsprechend frustriert. Ein Fan, der es sich am Abend vor Verkaufsbeginn in seinem Schlafsack vor einer FNB-Filiale bequem gemacht hat, ist sichtlich enttäuscht und schimpft über die verwirrenden Informationen in den Medien. Er bezeichnet das Verfahren als Firlefanz und verwies auf die letzte Verkaufsphase, in der die verfügbaren Karten gegen Cash in den Vorverkaufsstellen verkauft werden. Mit einem Lächeln deutet er auf seinen Schlafsack, der dann wieder zum Einsatz kommen wird, denn im April sind die Nächte in Kapstadt kälter als im Februar. Gute Nachrichten gab es immerhin Ende Februar, als die FIFA eine Erhöhung des Anteils der Tickets der Kategorie 4 von geplanten 11 % auf 20 % ankündigte. Doch für welche Spiele es noch Karten gibt, bleibt für viele Fans immer noch ein Rätsel.
Stimmen zum Ticketing

- Strini Govender. Foto: Ulrich Doering
Michael Ngodwana arbeitet in der Serviceabteilung der FNB-Filiale im Vorort Rondebosch in Kapstadt. Er bestätigt, dass sich am Morgen des 9. Februar lange Schlangen vor der Bank gebildet hatten, und bemängelt, dass die Einzelheiten der „First come, first serve“-Phase in den Medien nicht eindeutig genug erklärt wurde. Viele Antragsteller beschwerten sich darüber, dass sie nach Ablauf der angekündigten 10 Arbeitstage immer noch keine SMS erhalten hatten. Daraufhin waren die FNB-Angestellten gezwungen, den empörten Kunden mitzuteilen, dass sie keine Informationen über den Stand der Auslosung von der FIFA erhalten hätten.
Strini Gowender ist sich sicher, dass er Karten in der letzten Phase in den Vorverkaufsstellen bekommen wird. Auf die Frage, ob er einen Schlafsack hat, lächelt er. Er findet den Preis von 140 Rand für die Vorrunde Kategorie 4 nicht zu teuer. Nach seiner Meinung halten die Preise die Krawallmacher fern. Er erinnert an die Ausschreitungen während der Partie Ajax Cape Town gegen Kaizer Chiefs. Die Karten kosteten weniger als 4 Euro und laut Strini musste er das Stadion fluchtartig verlassen, weil er sich in dem Hagel von Sitzschalen und anderen Gegenständen, die die angetrunkenen Fans von den Rängen warfen, nicht mehr sicher fühlte.

- Floris (links) und Tim (rechts). Foto: Ulrich Doering
Floris (10) und Tim (9), geboren in Holland, wohnen seit 2008 in Kapstadt. Gleich in der ersten Phase hat ihre Familie alle Karten bekommen, die sie bestellt hatte. Und hatte dabei Glück: Obwohl damals die Gegner noch nicht feststanden, haben sie Karten für ihre Wunschteams bekommen. Trotzdem findet Floris es nicht gut, dass die Gegner in der ersten Verkaufsphase noch nicht bekannt waren und man die Katze im Sack kaufen musste. Und Tim meint, dass vier Karten pro Antragsteller zu wenig sind. Mindestens fünf hätten es sein sollen, um auch Freunde der Familie einladen zu können.

- Diliza Madinga (links) und Ryan Swartz (rechts). Foto: Ulrich Doering
Diliza Madinga (links) und Ryan Swartz spielen in der U 19 des FC Rygersdal in Kapstadt. Sie sind mit dem Ticketingsystem nicht zufrieden. Sie bemängeln, dass nur Kreditkarteninhaber online bestellen konnten und die Antragsformulare ausschließlich in den Zweigstellen der FNB bearbeitet wurden. In den ländlichen Regionen ist für viele Fußballanhänger der Besuch einer Bank ungewohnt, weil sie kein Bankkonto haben. Tickets in einer Bank gegen Vorkasse zu bestellen, ist ihnen fremd. Nach ihrer Meinung benachteiligt das Verkaufssystem den überwiegenden Teil der Landbevölkerung. Ryan möchte seine Karte an einen Freund verschenken, das zu organisieren, sei aber viel zu kompliziert. Jetzt freut er sich auf das Public Viewing.











